Ein Blick hinter die Fassade einer Adelsfamilie

Mit der Führerin Cornelia Kenklies besichtigten wir Schloss Agathenburg. Skandalöse Geschichten hinter verwunschenen Schlossmauern waren uns angekündigt. Aber uns eröffneten sich noch ganz andere Einblicke in den grausamen Aufstieg eines Emporkömmlings und lustvollen Niedergang einer Adelsfamilie, wie man sie sich selbst in kühnster Phantasie kaum ausmalen könnte.

Zuerst einmal ist man enttäuscht, wenn man erfährt, dass von der früheren Ausstattung des Schlosses nach der wechselhaften Geschichte seiner Eigentümer fast nichts mehr zu sehen ist. Frau Kenklies verstand es jedoch, uns mit kenntnis- und anekdotenreichen Schilderungen über die Familiengeschichte der Königsmarcks zu fesseln und uns einen Einblick zu geben in Sitten und Gebräuche aus der Zeit des Barock.

Am Beginn der Geschichte stand Hans Christoph von Königsmarck. Seine große Zeit begann mit dem 30jährigen Krieg. Königsmarck vollzog eine beispiellose militärische Kariere, zuerst in kaiserlichen Diensten, sehr bald aber schlug er sich auf die Seite Schwedens, wo er auf Raubzügen unter schonungslosen, wilden Verheerungen halb Deutschland durchstreifte“, in Kurzform nachzulesen bei Wikipedia.

Längst war aus dem Religionskrieg ein Krieg um Macht und Herrschaft geworden, in dem die Bevölkerung ausblutete und marodierende Heere und ihre Führer sich grausam bereicherten. Königsmarck gehörte zu den „erfolgreichsten“ Vertretern dieser Spezies.

Nach dem Friedensschluss wurde er als schwedischer Feldmarschall und Graf von Westerwik und Stegholm zum Generalgouverneur von Bremen und Verden ernannt. Hierfür errichtete er das im schlichten nordischen Backstein Barock gehaltene Schloss Agathenburg, benannt nach seiner Frau Agathe von Leesten.

Nach seinem Tode schätzte man sein Vermögen an Bargeld, Landgütern und Bankkapital auf 1,6 bis zwei Millionen Reichstaler, in jener Zeit ein gewaltiges Vermögen.

Seine Nachkommen verstanden es, diesem abenteuerlichen Leben auf den Schlachtfeldern ein nicht minder abenteuerliches Leben der Affären, Intrigen und Spielsucht folgen zu lassen und dabei das Vermögen durchzubringen. Wir hörten unglaubliche Geschichten vom spektakulären Brauttausch über Zwangsheirat, Amour Fou und Verführung, Mord und Verbannung. Aus dem Stamm des Hans Christoph von Königsmarck gingen Glücksritter, kluge und schöne Frauen, große Militärführer und einflussreiche Mätressen hervor. August der Starke, das englische Königshaus, der König von Frankreich, Friedrich der Große und der schwedische König, überall hinterließen seine Nachkommen ihre Spuren.

Und ganz nebenbei erfuhren wir noch den Ursprung der Begriffe „seine Sporen verdienen“, „zwischen den Zeilen lesen“ und „brandschatzen“, eingepackt in spannende Erzählungen über Liebe, Raub und Intrigen.

P.S. Bis zum 31.12.2018 läuft noch die Ausstellung: „Die Königsmarcks – Siegreiche Feldherren, amouröse Abenteuer und ein Mordkomplott“ im Schloss Agathenburg, Kulturstiftung Schloss Agathenburg.

Text: Andreas Schmige

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